Ehrfurcht bereichert unser Leben und macht uns gesünder. Beispielsweise sinkt unser Stresslevel, wir werden geduldiger und achtsamer und verbinden uns mehr mit unserem Umfeld und unseren Mitmenschen. Dabei sind es vor allem Ereignisse in der Natur, die uns in Staunen und Ehrfurcht versetzen können.
Ehrfurcht trägt zum Wohlbefinden bei
Schon Albert Einstein wusste: Neugier auf die Geheimnisse der Welt ist eine wichtige Eigenschaft. Und diese pflegte er sein Leben lang. Indem er alltägliche Ereignisse, die viele andere Menschen als selbstverständlich ansahen, mit Staunen betrachtete.
Dieses „Staunen“ wird heutzutage meist als Ehrfurcht bezeichnet und ist seit Anfang der 2000er Jahre Gegenstand der Forschung. Pioniere auf diesem Gebiet sind die Psychologen Dacher Keltner und Jonathan Haidt, die 2003 in ihrem Paper „Approaching awe, a moral, spiritual, and aesthetic emotion“ die Emotion des Staunens und der Ehrfurcht näher beschrieben. Unter anderem fanden sie heraus, dass das Ereignis, was Staunen oder Ehrfurcht bei Menschen auslöst, höchst individuell ist: Während also jemand beim Anblick von Naturereignissen, wie Wasserfällen, Wetterleuchten, einem Regenbogen etc. sprachlos wird, reagiert ein anderer eher bei musikalischen oder malerischen Kompositionen mit Ehrfurcht. Und noch ein anderer ist völlig fasziniert von einer mathematischen oder physikalischen Formel.
Die wesentlichste Erkenntnis aus ihrer Studie war jedoch die Tatsache, dass Ehrfurcht zum Wohlbefinden beiträgt und Menschen glücklicher, neugieriger, kreativer und sogar gesünder machen kann. Außerdem wird auch das soziale Miteinander verbessert, weil wir uns in ehrfürchtigen Momenten eher zurück- und nicht mehr so wichtig nehmen. Und uns stattdessen mehr mit unserem Umfeld verbunden fühlen. Das wurde auch von anderen Forschern bestätigt.
Ehrfurcht macht weniger anfällig für Stress
Der Neurowissenschaftler Beau Lotto beschäftigt sich ebenfalls mit der Emotion des Staunens. Dazu untersuchte er anhand von Cirque-du-Soleil-Aufführungen, wie sich Ehrfurcht auswirkt. (Wenn Sie selbst schon mal solch einer Aufführung beigewohnt haben, werden Sie sich bestimmt daran erinnern, wie Sie schon bald in völligem Staunen selbstvergessen den akrobatischen Höchstleistungen zugesehen haben…) Dazu wurden die Gehirnaktivitäten der Zuschauer vor, während und nach der Aufführung gemessen. Heraus kam, dass Ehrfurcht ein stärkeres Einfühlungsvermögen für andere Menschen hervorruft. Außerdem macht es neugieriger, risikotoleranter, erhöht die Kreativität und senkt sogar das Stressempfinden!
In diesem außergewöhnlichen TED-Talk teilt Beau Lotto zusammen mit einigen Künstlern von Cirque-du-Soleil seine Ergebnisse der Studie: https://www.youtube.com/watch?v=17D5SrgBE6g.
Ehrfurcht wirkt sich auf unsere Gesundheit aus!
So unglaublich es klingt: Ehrfurcht kann uns tatsächlich gesünder machen. Beispielsweise indem diese Emotion
- unsere Laune hebt und uns zufriedener macht
- unser Stresslevel senkt
- hilft, kritischer zu denken
- uns bescheidener macht
- Entzündungen senkt
- hilft, konsumfixiertes Verhalten zu hinterfragen und zu senken
- uns geduldiger macht
- uns mehr mit unseren Mitmenschen und unserem Umfeld verbindet
- hilft, uns mehr auf das hier und jetzt zu konzentrieren; uns also achtsamer macht
- uns großzügiger und kooperativer macht
Das ist auch nicht nur so von mir dahingesagt. Tatsächlich gibt es zahlreiche wissenschaftliche Studien, die genau das herausgefunden haben. Einige dieser Paper finden Sie in der Literaturliste am Ende dieses Artikels.
Wie Sie mehr Ehrfurcht in Ihr Leben bringen
Wo Sie nun ein Ereignis finden, dass Sie in Staunen und in Ehrfurcht versetzt, kommt ganz auf Sie und auf Ihren individuellen Geschmack an. Laut den beiden Forschern Monroy und Keltner können die meisten Menschen Ehrfucht empfinden wenn
- sie in der Natur sind
- sich spirituell oder religiös engagieren
- sie Musik hören (per Radio oder CD oder auf einem Konzert oder Festival)
- sie Erlebnisse mit anderen Menschen teilen
Damit auch Sie wieder mehr Ehrfurcht empfinden und dadurch gesünder werden, ist es vorteilhaft, wenn Sie sich zunächst darüber klar werden, auf welches diese vier oben genannten Ereignisse Sie am ehesten positiv reagieren und dieses dann wieder mehr in Ihr Leben integrieren. Beispielsweise indem Sie öfter ein Konzert besuchen, sich in Ihrer Glaubensgemeinschaft ehrenamtlich engagieren, sich wieder mehr mit ihren Lieblingsmenschen treffen oder zu einem Spaziergang in den nahe gelegenen Park oder gleich zu einer kurzen Wanderung aufbrechen.
Vor allem letzteres, also Erlebnisse in der Natur, sind laut den Forschern Andersson, Monroy und Keltner und Liu et al. (beides in der Literaturliste unten) prädestiniert dafür, wieder mehr Ehrfurcht in Ihr Leben zu lassen und dadurch zu heilen und gesünder zu werden. Und auch ich stelle es immer wieder fest, wie entspannt, glücklich und beseelt ich bin, wenn ich von einem Naturerlebnis zurückkomme. Schließlich macht Natur glücklich und trägt nachweislich zum Stressabbau bei, wie ich in einem früheren Blogartikel beschrieben habe: „Wie Natur zur Stressbewältigung und zur Gesundheitsförderung beitragen kann“. Deswegen habe ich Ihnen im Folgenden sechs Vorschläge zusammengestellt, wie Sie mit Hilfe der Natur Ehrfurcht erfahren können:
Ein Erlebnis für Frühaufsteher: Vogelgezwitscher
Die meisten unserer gefiederten Freunde sind Frühaufsteher – und legen vor allem im Sommer häufig schon ab vier Uhr morgens los. Um sich das muntere Vogelgezwitscher anzuhören, müssen Sie gar nicht weit gehen – Balkon, Terrasse oder auch der eigene Garten reichen dazu aus. Hören und staunen Sie – auch wenn sie vielleicht nicht wissen, welche Vögel da singen – wie viele verschiedene Laute und Vogelstimmen Sie vernehmen.
Abendliches Leuchten
Im Sommer kommen die Glühwürmchen heraus, knipsen ihre Lichter an und vollführen ihre Tänze. Auch dazu brauchen Sie unter Umständen nicht weit zu gehen, da sich die leuchtenden Gesellen gerne in Gärten oder Schrebergärten tummeln. Schalten Sie, sobald die Dämmerung einsetzt, alle Lichter aus und seien Sie gespannt auf den Tanz, den die Glühwürmchen für Sie aufführen. Wenn Sie keinen eigenen Garten oder Schrebergarten haben, begeben Sie sich einfach in einen nahegelegenen Park.
Staun-Spaziergang zu den Jägern des Nachthimmels
Ebenfalls im Sommer ist die Zeit der Fledermäuse gekommen, die geräuschlos durch die Lüfte fliegen. Meist sehen wir diese nur als dunkle Schemen vorbeihuschen. Umso spannender ist eine Fledermaus-Exkursion (beispielsweise angeboten vom NABU) mit einem Experten, der Bat-Detektoren dabei hat. Mit diesen lassen sich die hochfrequenten Rufe der nächtlichen Jäger auch für unsere Ohren hörbar machen. Was ich besonders erSTAUNlich finde: Ein Fledermaus-Experte kann aus diesen Lauten sogar auf die jeweilige Art schließen!
Ein Blick in die Sterne
Ebenfalls etwas für Nachteulen – zumindest im Sommer, wenn es abends erst ziemlich spät dunkel wird – ist ein Blick nach oben in den Nachthimmel. Vor allem wenn man ein Gebiet aufsucht, in dem es wirklich dunkel ist, kann man die Schönheit des Nachthimmels (auch wenn man sich mit den Sternenbildern nicht wirklich auskennt) mit all den funkelnden Sternen sehr gut bewundern. Blicken Sie also einfach mal ehrfürchtig nach oben in den Nachthimmel.
Ehrfurcht empfinden durch Pflanzenbeobachtungen
Ob im eigenen Garten, auf Balkon oder Terrasse oder bei einem Spaziergang oder einer Wanderung: Pflanzen sind immer um uns herum. Meist nehmen wir sie nur gar nicht mehr richtig wahr.
Doch das lässt sich ändern! Einfach indem Sie wieder ganz bewusst genau hinschauen: Betrachten Sie dazu beispielsweise die Blätter verschiedener Baumarten und staunen Sie darüber, was die Natur für vielfältige Formen hervorgebracht hat. Oder schauen Sie sich verschiedene Blüten an und entdecken Sie auch hier, was die Natur für eine Künstlerin ist. Sie können sich auch mal eine Blüte ganz genau ansehen und dabei in ihr Innerstes blicken. Schauen Sie sich an, wie kunstvoll der Stempel (die weiblichen Blütenanteile) mit Narbe und Griffel aussehen und wie filigran die Staubblätter (die männlichen Blütenanteile) mit Staubbeutel und Staubfaden. Dabei kann man gar nicht anders, als große Ehrfurcht zu empfinden.
Wussten Sie übrigens, dass es Pflanzen gibt, die nicht am Tag, sondern ganz im Gegenteil in der Nacht ihre Blüten öffnen? Eine davon ist die Nachtkerze, die mit zunehmender Dämmerung beginnt, ihre zitronengelben Blütenblätter zu öffnen, um dadurch verschiedene Nachtfalter anzulocken. Wie wäre es also, wenn Sie sich neben einem solchen Exemplar niederlassen und beobachten, wie sich – mit zunehmender Dunkelheit – nach und nach die Blüten öffnen? Und sich dann die ersten Nachtfalter einfinden, um am Nektar zu naschen. Ich werde immer ganz still, wenn ich dabei zusehen.
Es summt, es brummt, es flattert: Wie Insekten uns Ehrfurcht lehren können
Neben den Pflanzen können wir uns im Garten, auf Balkon oder Terrasse oder bei einem Spaziergang oder einer Wanderung auch den Tieren um uns herum zuwenden. Und damit meine ich jetzt nicht nur den größeren, die man nicht übersehen kann, wie Vögel, Wildschweine, Hasen etc. Ich meine hier vielmehr die vielen kleinen emsigen Brummer, die unermüdlich von Blüte zu Blüte flattern und sich dabei auch mal bis zu uns verirren. Seien Sie einfach ganz achtsam und Sie werden staunend feststellen, wie viele verschiedene Arten in kurzer Zeit an Ihnen vorbei- oder Sie besuchen kommen.
Auch hier bietet es sich an, wieder genau hinzuschauen – beispielsweise bei den Schmetterlingen. Ich finde es immer wieder unglaublich, wie viele verschiedene Exemplare mit den unterschiedlichsten Mustern es gibt.
Falls Sie sich jetzt ob der Einfachheit dieser Dinge wundern, denken Sie immer daran: Meist sind es nicht die großen und im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden Sachen, die uns zum Staunen und ehrfürchtigem Innehalten einladen. Meist liegt das Wunder in den kleinen Dingen, die wir – leider – nur allzu häufig übersehen. Schauen Sie daher von jetzt an genauer hin!
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine wundervolle Woche mit viel Ehrfurcht vor den kleinen Dingen des Lebens,
Ihre Silvia Duske
Literatur:
Anderson C.L., Monroy M. und Keltner D. (2018): Awe in Nature Heals: Evidence From Military Veterans, At-Risk Youth, and College Students. American Psychological Association, Ausgabe 18, Band 8, Seite 1195 bis 1202
https://www.researchgate.net/publication/325920225_Awe_in_Nature_Heals_Evidence_From_Military_Veterans_At-Risk_Youth_and_College_Students
Büssing A. (2021): Wondering Awe as a Perceptive Aspect of Spirituality and Its Relation to Indicators of Wellbeing: Frequency of Perception and Underlying Triggers. Frontiers in Psychology, Ausgabe 12
https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2021.738770/full
Büssing A., Wilhelm J. und Rodrigues Recchia D. (2025): Wondering Awe Is the Mediator of the Link Between Experience of Nature and PsychologicalWellbeing—Relevance for Public Health. International Journal of Environmental Research and Public Health, Ausgabe 22
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12652522/
Jiang L., Yin J., Mei H., Zhu H. und Zhou X. (2018): Awe Weakens the Desire for Money. Journal of Pacific Rim Psychology, Ausgabe 12, Seite 1 bis 10
https://www.cambridge.org/core/journals/journal-of-pacific-rim-psychology/article/awe-weakens-the-desire-for-money/176F33B15DAD69FB69104D8B2DB021D4
Liu J., Huo Y., Wang J., Bai Y., Zhao M. und Di M. (2023): Awe of nature and well-being: Roles of nature connectedness and powerlessness. Personality and Individual Differences, Ausgabe 201
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0191886922004512?via%3Dihub
Monroi M. und Keltner D. (2023): Awe as a Pathway to Mental and Physical Health. Awe as a Pathway to Mental and Physical Health. Ausgabe 18, Band 2, Seite 309-320
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10018061/
Rudd M., Vohs K.D. und Aaker J. (2012): Awe Expands People’s Perception of Time, Alters Decision Making, and Enhances Well-Being. Psychological Science, Ausgabe 23, Band 10, Seite 1130 bis 1136
https://www.bauer.uh.edu/mrrudd/download/AweExpandsTimeAvailability.pdf




