Präsenz

Präsenz

Dieses Wochenende hatte ich die Muße, mich einmal wieder mit ein wenig Poesie zu beschäftigen. Meine Wahl fiel auf Rainer Maria Rilke. Seit vielen Jahren schon begleiten mich seine folgenden Worte und immer noch faszinieren sie mich. Lesen Sie selbst und machen Sie sich Ihre Gedanken.

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Aus: Die frühen Gedichte (Gebet der Mädchen zur Maria), Rainer Maria Rilke, 1898

Heute, mehr als hundert Jahre später scheint mir dieses Gedicht noch genauso aktuell wie damals. Vielleicht noch aktueller?

Schon in aller Herrgottsfrühe sind wir von Worten umgeben und spät am Abend immer noch. Häufig genug können Menschen sogar in der Nacht ihre eingebaute Wortmaschine nicht abstellen.

Vor allem Menschen, die unter Stress stehen und kaum zur Ruhe kommen können, wissen gar nicht mehr, wie es sich anfühlt, einfach nur präsent zu sein. Präsenz, also die reine Anwesenheit im Hier und Jetzt, komplett ohne zu bewerten, zu beurteilen oder zu katalogisieren. Alle Logik und Vernunft weglassen, einfach nur sein. Davon können viele nur träumen. Doch dieser Traum kann wahr werden, und zwar jeden Tag.

Das Zauberwort hier heißt Meditation. Denn in der Meditation brauchen Sie nicht zu denken, zu rationalisieren, zu planen und zu organisieren. Es genügt, Ihre Aufmerksamkeit auf Ihr Inneres zu lenken. Auf Ihre inneren seelischen und emotionalen Prozesse – wenn Sie möchten.

Wussten Sie, dass Ihr Gehirn Sie belügt? Tatsächlich: psychologisch gesehen ist es nämlich nicht die Aufgabe Ihres Gehirns, Ihnen eine unzensierte Realität zu präsentieren. Vielmehr soll es aus den tausenden und abertausenden Reizen, die Ihnen täglich begegnen, eine Welt kreieren, die für Sie persönlich Sinn ergibt.

Alles, was Sie als Erziehung, eigene Lernerfahrungen und sonstige Einflüsse in Ihrem Leben gesammelt haben, dient dabei Ihrem Gehirn als Filter, so dass Sie nur bewusst wahrnehmen, was zuvor als geeignet, interessant oder sonst wie eingeordnet wurde.

Die Worte, die Ihnen beim Anblick der Welt durch den Kopf gehen, sind also noch viel unwesentlicher, als sie so schon sind. Tun Sie sich einen Gefallen, lassen Sie die Dinge einfach einmal wieder singen.

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4 Responses so far.

  1. Martin Krauch sagt:

    Präsent sein, mich dem anderen zu präsentieren, den anderen dabei wahrnehmen. Präsentieren nicht in Form einer Powerpoint Präsentation, sondern in Ich bin.

  2. Sabine Peters sagt:

    gefällt mir sehr Und gerade heute mal wieder mit meditieren begonnen!

  3. Petra sagt:

    Ich liebe es zu meditieren, es schenkt mir Ruhe und Gelassenheit.
    Das Gedicht finde ich wunderschön ❤
    Das wahre Leben ist im Hier und Jetzt 😊❤

  4. Jutta sagt:

    Super – das Gedicht hat mich schon im ersten Absatz angesprochen. Und es ist wirklich etwas wahres daran. Mein Tipp: einfach ganz alleine einen großen Waldspaziergang ohne Handy und fern jeglichen Verkehrs; nur Vogelgezwitscher ist zugelassen und die Stimmen des Waldes.

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